Autsch!

Fotos auf Rezept? 

Mein Herzens- und persönlichstes Langzeitprojekt ist Mitte 2017 gestartet:

 

Begonnen hat es im Schneckentempo. Gut Ding braucht Weile. Dachte ich. Doch mittlerweile habe ich mich beinahe selbst überholt. 

 

Dieses besondere und dementsprechende Bild hat die wunderbare und so freie Berliner Fotografin Andrea Künstle von mir gemacht.

 

Auch für mehr Verständnis im „ach, so sozialen“ Umfeld 

 

Chronische Schmerzkrankheiten - körperliche wie seelische - sind auf den ersten Blick erkennbar an …? Nichts! Sie zählen zu den unsichtbaren Krankheiten. Was also auf den ersten Blick wie Glück im Unglück erscheint – wer will schon krank aussehen? - birgt dennoch eine zusätzliche Belastung.

 

Als Betroffene weiß ich aus erster Hand, dass das Unverständnis im „ach, so sozialen“ Umfeld übergroß ist: „Wieso? Du siehst doch gut aus. So krank kannst Du ja wohl nicht sein.“

Was bedeutet, das weder ein Zusammenriss anerkannt wird, noch das Gegenteil. „Die simuliert doch.“ „Die hat nur keinen Bock auf Arbeit.“ „Das bildet die sich doch nur ein.“ „So gut wie die möchte ich das auch mal haben. Frührente, kann tun und lassen, was sie will ...“ Die braucht nur mal wieder einen Kerl."

Ich bin seit über 40 Jahren schmerzkrank. Fibromyalgie (neudeutsch: Fibrofuck = die unsichtbare Schmerzkrankheit mit den unzähligen Symptomen), dazu Migräne und andere Kopfschmerzen, Fingerarthrose, Lebensmittel- und Kontaktallergien, Blutgerinnungsstörungen …

Will sagen: Ich hangele mich nicht nur von Tag zu Tag, ich hangele mich von Stunde zu Stunde. Schmerzfrei habe ich nie. Was bedeutet: 24 Stunden am Tag mit starken bis unerträglichen Schmerzen zu (über)leben.

Damit diese Sch… Krankheit für mich überhaupt einen Sinn macht, habe ich die ehrenamtliche Selbsthilfe- und soziale Fotografie, zurzeit also in der Hauptsache das ehrenamtliche Selbsthilfefotoprojekt für chronisch Schmerzkranke zu meiner Herzensaufgabe gemacht.

Aus eigener Erfahrung und von vielen Betroffenen weiß ich, dass - neben dem krankheitsbedingten Schmerz - die Reaktionen (oder auch Nichtreaktionen), im Bekannten- und Verwandtenkreis, ebenso heftig wehtun wie die eigentlichen Schmerzen. Eine Folge davon ist oft die totale Isolation.

Nix mehr mit Sex und Rock ´n Roll. Dafür zu oft zu viele Drugs. Gefolgt von den Medikamenten gegen die Nebenwirkungen der Medikamente, gefolgt von den Medikamenten gegen die Wechselwirkungen der Medikamente gegen die Nebenwirkungen der Medikamente gegen die Schmerzen …

Ins Schneckenhaus zurück gezogen, vor Schmerz versteinert, Schutzschichten angelegt, im Gestrüpp des Lebens gefangen, Trost finden bei den Tieren … Fotos können Geschichten erzählen.

Ein Bild sagt also wirklich mehr als 1.000 Worte? Ganz genau: Etwa 80 Prozent der Informationen aus unserer Umwelt erhalten wir über unsere Augen.

Unsere ganz individuellen Bilder werden zunächst unter vier Augen - in sehr persönlichen Vorgesprächen - entwickelt. „Wie fühlst Du Dich? Wie siehst Du Dich? Wie gehst Du damit um?“

Das geht ans Eingemachte (auch dieses Bild wird noch umgesetzt), doch diese kreative Auseinandersetzung mit sich und den eigenen Empfindungen ist sehr besonders. Alle "Schmerzmodels" haben sich Gedanken über sich gemacht. Sich im Geiste ein Bild von sich gemacht. Ein ganz eigenes, ganz persönliches Bild - und ich durfte all diese Bilder mitentwickeln und visualisieren.

Gemeinsam möchten wir, also die am jetzigen Projekt beteiligten "Schmerzis", unsere "ach, so sozialen Kontakte" ins Bild darüber setzen, wie wir uns fühlen. Oder wie wir überleben. Originell wie authentisch, ernst wie auch galgenhumorig. So liefern wir damit zwar noch keine Gebrauchsanweisung für den Umgang mit uns, aber doch einen Einblick in unsere physischen wie psychischen Befindlichkeiten. Wir nehmen die Alltagsmasken ab bzw. zeigen diese auf.

Fotos sind an und für sich zweidimensionale Produkte. Wir jedoch möchten Bilder zeigen, die bei der Betrachtung mit einer dritten – emotionalen - Dimension aufgeladen werden können. 

In 2019 möchten wir mit einer entsprechenden wie nachhaltigen Bilderausstellung an die Öffentlichkeit gehen oder rollen. Sie startet im Paritätischen in Uelzen. Das Buch zum Projekt - "Autsch! Fotos auf Rezept?" - ist bereits im Lektorat meines Wunschverlages: Dem Initia Medien Verlag.

Kooperationen mit Gesundheitseinrichtungen und Selbsthilfegruppen sowie auch einzelnen Fachleuten sind möglich. Die Schirmherrschaft für unser Schmerzprojekt hat passenderweise der Paritätische in Uelzen übernommen.

Ich, so als „Schmerzpertin durch Erfahrung“, hatte bis Anfang 2017 noch nicht viele Möglichkeiten gefunden, mich mit meinem Kranksein positiv auseinandersetzen zu können. Unser ehrenamtliches Selbsthilfefotoprojekt allerdings beinhaltet nun alle. Vor und hinter meiner Kamera(din).

 

Auch betrachte ich es als kostbares Geschenk, wenn Menschen mir vor meiner Kamera Vertrauen schenken. Ich möchte mich auch an dieser Stelle von Herzen dafür bedanken. Ich weiß, dass es zunächst viel Mut braucht, sich so zu öffnen. Krankheit gilt ja zu oft als Schwäche, als disziplinloses Verhalten …

Für die Bilder, die mich zeigen, habe ich mich in der ersten Hälfte des Projektes - einen kurzweiligen Tag lang - vertrauensvoll vor die Linse der einfühlsamen, freien Berliner Fotokünstlerin, Streetfotografin, Dozentin und Fahrradweltreisenden Andrea Künstle gestellt, gelegt, gehockt … Heute lasse ich mich auch von meinem Co-Fotografen Bernd Meyer ablichten, der als selbst Betroffener Ende 2017 mit dazu gekommen ist und heute auch als mein vielseitiges Schmerzmännermodel gilt.

Ich kann und darf nun noch bestimmter sagen: Es geht immer auch um Selbstakzeptanz. Je mehr Du Dein eigenes, ehrliches Abbild annehmen kannst, desto wohler fühlst Du Dich mit Dir.

Ach, von wegen Wohlsein: Bei der Fotomache bewegen wir uns in einer ganz eigenen Welt. Kein Stress, keine Hektik, kein Handygebimmel … Wir können unsere Gefühle und Gedanken wahr- und annehmen, ohne Angst davor haben zu müssen, nicht ernst genommen zu werden. Und wir haben – bei allem Schmerz – auch ganz viel Spaß. Eine ganz wichtige häufige Vorabfrage lautet übrigens darum auch ganz frauen- und männertypisch: „Was ziehe ich an?“ „Das wonach Dir zumute ist.“ Und zur Not gibt es ja noch die emofotologische Kleiderkammer und Bastelkostüme. 

Mit kreativen Immenhofgrüßen

Eure Brigitte 

 

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